Und weiter …?

Es gibt eine Form des Wartens, die kaum jemand bemerkt, weil sie zum selbstverständlichen Hintergrund unseres Denkens geworden ist: das stille Warten auf etwas Besseres. Solange sich Wünsche und Bedürfnisse stapeln – der bessere Job, die erfülltere Beziehung, das größere Glück, das angeblich erst dann beginnt, wenn alle Bedingungen erfüllt sind –, verlagert sich das Leben fortwährend in eine Zukunft, die vermutlich nie eintritt. Der gegenwärtige Moment, der einzige, der tatsächlich uns gehört, wird so zum bloßen Durchgangsraum, zur Warteschleife auf ein vermeintlich besseres Dasein. Während wir innerlich ständig auf Morgen blicken, entgleitet uns das Heute.

Bedürfnisse gelten der Befriedigung, einer Verbindung, Schöpfung, Besonderheit, Richtigkeit, Tiefe der Erfahrung und dem Weitermachen. All dies könnte etwas sehr Reines sein, die Essenz eines lebenswerten Lebens. Das Problem ist, dass jedes dieser Ziele auch in eine Überkompensation umschlagen und sich dann gegen uns richten kann. Das Bedürfnis nach Verbindung kann zu Beziehungen führen, die sich in Knoten von Selbstmitleid und Verwirrung verdrehten. Das Bedürfnis nach Besonderheit und Tiefe der Erfahrung kann uns zu jemanden machen, der immer in Gefahr ist, in diesem Moment nicht wirklich anwesend zu sein, weil er bereits ungeduldig auf den nächsten Moment und den danach wartet. Und Teil dieser Bedürfnisse ist die Idee, dass das, was als Nächstes kommt, noch großartiger sein würde. Immer nach etwas Besserem zu suchen, etwas noch Besonderem als das, was genau vor uns ist, kann uns voran zwingen wie ein Sklaventreiber. Ein Moment noch befriedigender als der Moment, den wir gerade durchleben!

Es gibt bei vielen Menschen eine Tendenz, nicht wirklich „hier und jetzt“ zu sein. Es ist gar nicht so leicht, überhaupt zu erkennen, dass dies vor sich geht. Der einzige Weg, dies zu sehen, ist, sich selbst mit einer solchen Intensität anhaltender Aufmerksamkeit zu beobachten, dass man dann im Nachhinein merkt, dass man einmal mehr abgerutscht war, in die Zukunft, oder auch in die Vergangenheit. Wenn wir herausfinden können, wie man für eine anhaltende Zeitspanne „hier und jetzt“ sein kann, sind wir nicht nur in einem erhöhten Bewusstseinszustand, sondern wir haben sehr viel Kontrolle über uns selbst – so lange, wie wir dieses Gewahr sein halten können.

Es ist diese Gewohnheit, dahin zu streben, was als Nächstes kommen sollte, was uns automatisch ganz viel von dem wegnimmt, was gerade JETZT geschieht. Wenn wir herausfinden, wie wir diese Ebene der „im Moment“-Aufmerksamkeit für uns selbst aufbauen und halten können, verschafft uns das eine neue und ungeahnt intensivere Lebendigkeit!

Wenn wir uns selbst wirklich in Aktion beobachten können, fast als wären wir Beobachter von dritter Seite, könnten wir bemerken, dass riesige Teile dessen, was wir Tag für Tag in jedem Augenblick tun, eine Sammlung automatisch ablaufender Unterprogramme ist. Viele der täglichen Handlungen, die wir ausführen, werden vom Körper automatisch ausgeführt. Unser „Geist“ wählt, eine Handlung auszuführen, übergibt diese Anweisung an einen anderen Teil unseres Bewusstseins – und vergisst sie völlig, um bereits das nächste Ding vorzubereiten.

Nehmen wir als Beispiel das Greifen dieser Kaffeetasse. Die Chancen stehen gut, dass, wenn wir diese Tasse greifen, die Handlung stattfindet, während der Geist bereits mit etwas anderem beschäftigt ist! Es läuft völlig automatisch ab, da wir es bereits eine Million Mal getan haben. Ein Unterprogramm im Bewusstsein kann das Tasse-Greifen-Programm jedes Mal perfekt ausführen. Das „Ich“, das für die ganze Operation verantwortlich ist, gibt die Kaffeetassen-Anweisung und vergisst sie sogleich wieder, wissend, dass das Unterprogramm sich problemlos darum kümmern wird. Da gibt es Muskelbewegungen, die perfekt ausgeführt werden müssen, damit wir einen Schluck aus dieser Tasse nehmen können, der Mund muss keine sehr spezifische Bewegungen machen, um das Trinkmanöver durchzuführen. Aber wir nehmen all das kaum wahr. Wir können einen Schluck aus der Tasse trinken, während der Geist völlig damit beschäftigt ist, diese Worte zu lesen … genau jetzt … 🙂

Das kann erschreckend sein, zu erkennen, dass wir dies nahezu durchgehend jeden Tag tun. Handlung nach Handlung nach Handlung.

Natürlich gibt es auch automatisierte Handlungen, die das Leben außerordentlich vereinfachen können. Nicht jeden Tag aufs Neue müssen wir laufen lernen, oder Radfahren oder wie wir ein Auto lenken. Was uns aber im Alltag viel zu leicht abhanden kommt, ist das Bewusstsein dessen, was wir wirklich gerade tun und erleben oder auch nur denken und fühlen.

Warum ist das so wichtig? Weil wir, wenn wir die Unterprogramme ausschalten können, oder zumindest einige von ihnen, Kontrolle über uns selbst zurück gewinnen. Wenn wir uns irgendwie zwingen können, völlig anwesend zu sein in Bezug auf die Aufmerksamkeit, während wir diese Kaffeetasse greifen, kann sich in unserer Wahrnehmung ein bisher unbekanntes Universum öffnen.

Dies ist ein so kraftvolles Werkzeug, dass ein Teil von uns permanent hart daran arbeiten wird, uns davon abzubringen. Denn es bedeutet Freiheit von der Tyrannei eines installierten Geistes. Wenn wir in jedem Moment anwesend und bewusst und in der Lage sein könnten, diesen Modus aufrechtzuerhalten, kann die Prägung durch Erziehung, Kultur und durch jegliche äußere Einflüsse uns nicht mehr erreichen.
Wir werden zu freien Gestaltern unseres eigenen Lebens!

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1 Kommentar zu „Und weiter …?“

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