Was ist heute schon alles durch unser Bewusstsein hindurchgegangen?
Die Nachrichten. Das endlose Scrollen. Die Meinung von jemandem; dann das Argument einer anderen Person gegen diese Meinung. Drei Sendungen. Die Fotos anderer Menschen. Die Musik anderer Menschen. Der Schmerz anderer Menschen, auf neunzig Sekunden verpackt und wieder verschwunden.
Eine enorme Menge der Welt ist in uns eingedrungen. Und wenn wir uns am Ende des Tages hinsetzen, können wir uns fragen, was herausgekommen ist.
Oft ist es nicht das, was wir gesagt oder was wir geschaffen haben.
An den meisten Abenden lautet die ehrliche Antwort: nichts.
Wir sind bis zum Rand gefüllt und fühlen sich dennoch beim Aufwachen leer. Das ist kein Charakterfehler, und es ist keine Stimmung.
Fast alles an Information und Energie fließt nur in einer Richtung: alles hinein, nichts heraus. Ist die Lösung zur Umkehrung dieser einseitigen Richtung im „Gegenteil“ zu finden?
Wenn wir jemanden fragen: „Was das Gegenteil von Depression?“, ist die Antwort vermutlich meistens: „Glück!“.
Also jagen wir dem Glück nach.
Der Urlaub. Der bessere Job. Das Ding, das endlich die Last heben wird. Doch, wenn wir ehrlich sind, können wir bemerken, dass die Erleichterung nie anhält und sich etwas darunter überhaupt nicht bewegt.
Das liegt nicht daran, dass wir das Glück schlecht verfolgt haben. Es liegt daran, dass Glück nie das Gegenteil von dem war, was diese Leere oder diese Last ausgemacht hat.
Edith Eger wurde als Mädchen in ein Konzentrationslager gebracht und überlebte. Sie wurde klinische Psychologin und hat siebzig Jahre damit verbracht, mit Menschen in deren Schmerz zusammenzusitzen. Sie sagt ihren Patienten, dass das Gegenteil von Depression Ausdruck ist. Sie sagt:
„Was aus Ihnen herauskommt, wird Sie nicht krank machen. Was darin bleibt, wird es tun.“
Schon diese Worte zeigen den Zusammenhang: sie entstammen derselben lateinischen Wurzel — premere, drücken.
De-pressed bedeutet niedergedrückt. Beschwert, verdichtet, festgehalten.
Ex-pressed bedeutet herausgedrückt.
Die Sprache trägt die Diagnose und das Heilmittel seit Jahrhunderten in einem Atemzug, und wir haben verlernt, sie zu hören.
Reden ist eine Art, etwas herauszudrücken, und es leistet echte Arbeit.
Edith Eger hat ihr Lebenswerk darauf aufgebaut, und nichts hier widerspricht dem.
Aber darin steckt eine Falle, vor der niemand Sie warnt.
Eine Geschichte, die man immer wieder über sich selbst erzählt, kann leise zu einer weiteren Sache werden, die man konsumiert. Wir können unser Leiden jahrelang flüssig einer freundlichen Person in einem bequemen Stuhl sitzend erzählen, dabei aber nie etwas geschaffen, nie wirklich etwas aus uns heraus gegeben und damit losgelassen zu haben.
Erschaffen ist etwas anderes.
Erschaffen nimmt etwas, das in uns ist, egal ob niedergedrückend oder erhebend, und bringt es als ein Ding in die Welt, ein Ding mit Konturen, etwas, das existiert, gleich, ob wir es betrachten oder nicht, etwas, das vorher nicht da gewesen ist.
In einem geschaffenen Ding können wir uns nicht mehr im Kreis drehen. Es ist draußen. Es ist fertig. Es liegt auf dem Tisch. Das Ungleichgewicht bekommt eine neu Balance!
Kein Mensch vor diesem Jahrhundert hat so viel aufgenommen wie Sie und so wenig herausgegeben. Ihre Urgroßmutter sang, nähte, schrieb Briefe, erzählte Geschichten, kochte ohne Rezept und stellte mindestens die Hälfte dessen selbst her, was ihr Haus enthielt. Sie konsumierte einen Bruchteil von dem, was Sie konsumieren, und drückte zehnmal so viel heraus.
Wir haben ein Leben fast reiner Aufnahme aufgebaut und wundern uns dann über die Last, die auf uns drückt.
Was auch immer heute Abend in uns ist, hat keinen Ort, wohin es gehen kann. Es geht nicht einfach, weil wir es vielleicht verstanden haben.
Es geht, weil Sie es in etwas hinausgedrückt haben.
Jeder kann Spuren auf einer Seite hinterlassen. Es aber so zu tun, dass das, was feststeckt, sich tatsächlich bewegt, das erfordert eine gerichtete Bewegung und eine Absicht. In der Kunsttherapie kann das gezielte persönliche Erschaffen etwas erreichen, was über den Punkt hinausgeht, an dem es unangenehm ist. Und plötzlich wird das, was vielleicht gerade noch so schwer gewesen ist nützlich!
Hier wird nichts einfach nur übergeben. Es kommt etwas heraus, das ein ganz Eigenes ist und eine neue Balance kann entstehen!
Quelle: Textimpuls von Scholistico